• multiple-healings

Wer bin ich ohne meine MS?

Wer bin ich ohne meine MS?


Mit dieser Frage wurde ich kurz vorm Jahreswechsel ziemlich unerwartet konfrontiert und sie hat mich sehr zum Nachdenken angeregt.

Natürlich ist meine Diagnose Multiple Sklerose nur ein Teil von mir. Ich bin nicht meine Krankheit. Am Anfang hat sie zwar sehr viel Raum eingenommen und jedes Mal, wenn ich mal wieder stärkere Symptome habe oder gar einen Schub, scheint sich alles um meine MS zu drehen. Doch mittlerweile vergesse ich teilweise, dass ich diese chronische Autoimmunerkrankung habe. Dafür bin ich sehr dankbar und ich weiß, dass dies alles andere als selbstverständlich ist.

Arme, die auseinanderdriften

Doch sie ist und bleibt ein Teil von mir. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Sie ist nunmal da. Und ich habe noch dazu diesen Blog und meinen Instagram-Account, auf denen ich über mein Leben mit meinem kleinen Wachrüttler schreibe und für andere Menschen da bin, die gerade die Diagnose bekommen haben oder von der MS herausgefordert werden. Die MS ist also auf jeden Fall ein fester Bestandteil meines Lebens und ich zeige mich auch öffentlich mit ihr.


Und wenn ich ehrlich bin – das kennen wir MSler und chronisch Kranke allgemein wahrscheinlich sehr gut –, ist sie auch manchmal eine praktische Ausrede, die ich gerade zu Beginn meiner Diagnose gerne vorgeschoben habe, wenn ich zu einem Treffen oder einer Party nicht kommen wollte. Denn dann musste ich mich nicht erklären.


Was wäre also, wenn die MS nicht mehr da wäre? Wenn ich von heute auf morgen eine Wunderheilung erfahren würde, sich die Ärzte irgendwie doch in meiner Diagnose geirrt hätten oder es ein Medikament gebe oder oder oder?

Was wäre dann?


Ja, was wäre dann eigentlich? Das weiß ich auch nicht so ganz. Und am Ende kann ich diese Frage nur wirklich beantworten, wenn das wirklich passieren sollte. Alles andere ist Spekulation. Doch natürlich ist die Versuchung zu groß, die Situation gedanklich durchzuspielen. Gerade weil mich diese Frage im ersten Moment so sprachlos gemacht hat.


Würde ich dann immer noch so gut auf mich aufpassen? Würde ich meine Zukunftspläne ändern? Würde ich mich dann beruflich nochmal neu orientieren? Müsste ich dann diesen Blog schließen?


Auch wenn die Krankheit viele Ängste und negative Aspekte mit sich bringt, so ist sie doch mein Wachrüttler. Und sie hilft mir, auf mich aufzupassen. Sie zeigt mir mal liebevoller und mal etwas rücksichtsloser, dass ich mich gerade übernehme. Und durch sie habe ich mein Leben umgekrempelt. Ich habe mich selbstständig gemacht, mein Leben so stressfrei wie möglich gestaltet, meine Ernährung noch gesünder umgestellt, bewege mich noch mehr, habe mich intensiv mit mir selbst auseinandergesetzt. Und sie motiviert mich, wenn ich das alles am liebsten doch wieder sein lassen würde. Sie hat so viel angestoßen und bewegt.


Würde das alles mit einem Schlag aufhören, wenn sie nicht mehr da wäre? Und wäre ich dann nicht mehr die gleiche Julia? Wie sehr beeinflusst mich meine Krankheit? Ist sie nur ein kleiner Teil oder doch eher ein größerer Anteil meines Ichs?

Wie sehr habe ich mich mit ihr identifiziert, mir es mit ihr gemütlich gemacht? Verstecke ich mich manchmal hinter ihr?

Natürlich könnte das Streichen der MS aus meinem Leben auch der absolute Befreiungsschlag sein. Keine Zukunftsängste, keine Angst vorm Rollstuhl, keine Angst vorm Kinderkriegen, keine Schübe mehr, keine Symptome im Alltag ...


Ich mit einem Multiple-Sklerose-Etikett auf meiner Stirn

Doch die Wahrheit ist, dass ich auch ohne MS nicht weiß, was die Zukunft bringt. Ich durch einen Autounfall im Rollstuhl landen könnte, eine andere Krankheit bekommen könnte. Und die Bewegung, gesunde Ernährung, Beschäftigung mit mir selbst, Vermeidung von Stress und und und helfen mir in jedem Bereich meines Lebens, machen mich glücklicher, gesünder und ausgeglichener und lassen mich fitter alt werden. Sie sind also mit oder ohne MS gut.


Unser Leben ist voller Erfahrungen. Manche Erfahrungen dauern nur einen winzigen Augenblick und doch prägen sie uns. Andere dauern einen Tag, andere begleiten uns für eine längere Zeit und manche sogar ein Leben lang. Sie alle sind für uns da. Denn sie geben uns die Möglichkeit zu wachsen, zu lernen, alte Muster zu hinterfragen und etwas zu ändern. Was auch immer wir aus ihnen machen: Ich bin davon überzeugt, dass jede Erfahrung aus einem Grund passiert. Somit ist meine Diagnose aus einem (oder auch mehreren) Gründen passiert und so hätte es auch einen Grund, wenn meine MS sich doch wieder aus meinem Leben schleichen würde.


Ich komme also wieder zu dem Schluss, dass ich sehr dankbar für meine Diagnose bin. Denn sie hat mich wachgerüttelt und ich liebe mein Leben, das ich jetzt lebe und mir durch die MS aufgebaut habe.

Mit oder ohne Multiple Sklerose würde ich also wahrscheinlich genauso weitermachen und das Leben leben, das mich glücklich macht und erfüllt. Ich würde definitiv nicht zurückgehen und ein Leben führen, bei dem ich das tue, was ich denke, was andere von mir erwarten.


Ich würde mich für meinen kleinen Wachrüttler als unglaublich wertvollen Wegbegleiter bedanken und mir sagen: Jetzt erst recht.

Meine Unterschrift: deine Julia :)











P.S.: So viel Konjunktiv habe ich noch nie in einem Text verwendet, deswegen kehre ich nun auch wieder schnell ins Hier und Jetzt zurück ;). Denn was am Ende wirklich passiert, wissen wir alle nicht 🙃.

52 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Logo vollkommen du, Coaching mit Julia