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Neuer Schub, neue Achterbahnfahrt

Es war ein ganz normaler später Sonntagvormittag, ich kam gerade aus der Dusche und fing an, meine Beine einzucremen. Da merkte ich, dass irgendetwas anders war. Meine Unter- und Oberschenkel fühlten sich anders an – irgendwie taub. Ein Schauer fuhr mir über den ganzen Körper und ich wusste sofort: Das ist ein Schub. Doch ich wollte es nicht wahrhaben. Wollte, dass er von alleine weggeht. Doch das tat er nicht. Vielmehr verstärkte er sich noch und wanderte zu meinem Bauch und in die Fingersitzen meiner linken Hand …


Der Anruf beim Neurologen


Als mich mein Freund nicht einmal mehr normal berühren konnte, ohne dass es sich total komisch und unangenehm anfühlte, wusste ich: So geht es nicht weiter. Also rief ich 1,5 Wochen nach den ersten Symptomen meinen Neurologen an und schilderte ihm meine Situation. Und ohne eine Sekunde zu zögern, meinte er: „Das klingt sehr stark nach einem Schub aus dem Rückenmark, kommen Sie morgen früh sofort in die MS Ambulanz.“ Und das tat ich dann auch – nachdem ich erst einmal ziemlich viel geweint und meine Mama unter Tränen angerufen hatte, weil ich einfach nur Angst verspürte, und nicht verstehen konnte, warum jetzt. Warum ein neuer Schub?


Am nächsten Tag in der MS Ambulanz wurde ich direkt untersucht und meine größte Angst leider bestätigt: ein neuer spürbarer Schub nach über 2,5 Jahren Ruhe. Ich konnte es nicht glauben, wollte es nicht glauben. Wollte schreien. Weinen. Wegrennen. Mich einrollen. Mich selbst bemitleiden. Alles machen, außer hochdosiertes Cortison durch meine Venen fließen lassen. Alles in mir sträubte sich dagegen. Doch am Ende gewann meine Angst, dass die Symptome bleiben würden, wenn ich noch länger warten würde. Also ließ ich mir in den Arm stechen, einen Zugang legen und mir hochdosiertes Cortison – aufgelöst in NaCl – für über zwei Stunden in den Körper pumpen.


Die Gedanken-Achterbahn beginnt


Und während ich so dasaß und versuchte, das alles zu verarbeiten und einzuordnen, wurde mir so einiges klar. Diejenigen von euch, die mich kennen, wissen, dass ich davon überzeugt bin, dass alles im Leben aus einem Grund passiert. Und so fragte ich mich, was der Grund für diesen neuen Schub war. Warum jetzt? Ich hatte doch gerade erst Urlaub gehabt und auf mich aufgepasst. Ich hatte mich doch gerade erst verlobt und bin immer noch überglücklich. Es schien keinen Sinn zu ergeben. Doch dann wurde es immer klarer …


Seit meiner Diagnose renne ich vor meiner Angst, später im Rollstuhl zu sitzen, weg. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich mich nie wirklich mit dieser Angst auseinandergesetzt. Meine Diagnose und somit meine Krankheit bzw. kleinen Wachrüttler habe ich akzeptiert und einen sehr guten Weg gefunden, damit zu leben. Aber diese Angst habe ich bisher alles andere als akzeptiert. Sondern verdrängt. In irgendeine weit entfernte Ecke gestopft. Und das ist alles andere als gesund.


Noch dazu war ich seit dem Absetzen meiner Basistherapie so sehr darauf fixiert, es allen (wer auch immer „alle“ in meinem Kopf waren) zu zeigen, dass man es auch auf natürlich Weise schaffen kann – ohne Chemie. Doch am Ende geht es nicht darum, irgendjemandem irgendetwas zu beweisen. Es geht darum, meinen ganz persönlichen Weg zu finden, mit der Krankheit gesund und entspannt zu leben – ob mit oder ohne Basistherapie. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch. Und ich stehe auch nicht unter Beobachtung.


Der Teil in mir, der doch noch alles kontrollieren will


Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mit bewusst, dass all‘ meine Versuche, mich so gesund wie möglich zu ernähren, die Multiple Sklerose auf natürliche Weise zu behandeln, viel Sport zu treiben, mich mit mir auseinanderzusetzen und und und ein Stück weit Kontrollmechanismen waren. Denn auf diese Weise hatte ich unterbewusst das Gefühl, die MS doch kontrollieren zu können und somit zu verhindern, dass sie weiter fortschreitet. Und genau deshalb war ich tieftraurig, als ich den neuen Schub in mir aufflammen spürte. Genau deshalb fiel ich wieder in ein tiefes, schwarzes Loch. Genau deshalb fand ich das alles so unfair. Genau deshalb wusste ich nicht, was ich tun sollte.


Ich hatte irgendwie gedachte, ich hatte es „geschafft“. Seit über 2,5 Jahren keinen Schub mehr. Die MS war zwar im MRT noch aktiv, aber die Läsionen wurden immer weniger und ich fühlte mich immer besser. Ich dachte, es würde immer so weitergehen. Die Kurve würde einfach weiter ansteigen. Doch wir alle wissen nur zu gut, dass das Leben nie geradlinig verläuft. Es geht hoch, runter, hoch, runter und wieder hoch und nochmal runter, drei Schritte vor, vier zurück, dreht nochmal eine Schlaufe … es lässt sich einfach nicht kontrollieren.


Warum tue ich das also überhaupt alles?


Und so fing ich mich schließlich an, zu fragen, warum ich das überhaupt tat. Warum das gesunde Essen? Warum der ganze Sport? Warum die Therapie? Warum die Coachings? Warum die ganzen Kosten für all‘ die Nahrungsergänzungsmittel? Warum alternative Heilmethoden? Warum mein Leben umkrempeln, um so wenig Stress wie möglich zu haben? Warum auf mich aufpassen? WARUM?


Warum, wenn ich am Ende doch spürbare Schübe habe? Warum, wenn die Krankheit so oder so fortschreitet? Warum, wenn ich mit 50 dann doch im Rollstuhl sitze und nicht mehr alleine für mich sorgen kann? WARUM?


Zunächst konnte ich diese Fragen nicht wirklich beantworten und zog mich in mein schwarzes, tiefes Loch zurück. Bemitleidete mich selber. Fand alles scheiße und ungerecht. Und als mein Körper

dann zwei Tage nach der letzten Infusion (als die Symptome zum Glück und dankbarerweise wieder komplett verschwunden waren) vollkommen herunterfuhr, ich mich komplett ausgelaugt und wie überfahren fühlte und keine Kraft mehr für nichts hatte, wollte ich am liebsten alles hinschmeißen und einfach so tun, als gäbe es die MS nicht mehr.


Ich wusste weder ein noch aus. Wusste mir nicht mehr zu helfen. Verstand die Welt nicht mehr. Der Schub war noch jetzt vorbei, wieso machte mir mein Körper jetzt mit dieser unerträglichen Erschöpfung weiterhin einen Strich durch die Rechnung?


Ich konnte mich selbst nicht mehr ertragen. Konnte den Schmerz nicht mehr spüren. Die Gedanken nicht mehr hören. Nicht mehr stark sein. Nicht mehr positiv sein. Einfach nichts mehr tun.


Und irgendwie ging auch das vorbei


Also tat ich nichts. Saß einfach nur da, schaute ins Leere, ließ meine Tränen laufen, meine Wut und Enttäuschung raus und war einfach mal nicht stark, positiv und der Sonnenschein. Und nach 5 Tagen unerträglicher Schwere und tiefer Traurigkeit, bahnte sich die Sonne doch wieder ihren Weg in mein schwarzes Loch und lockte mich nach oben. Langsam und vorsichtig bahnte ich mir meinen Weg ins Licht und ich erinnerte mich, wie sich Leichtigkeit und Unbeschwertheit anfühlt – auch wenn es noch eine ziemlich wackelige Angelegenheit war.


Schließlich wurde mir auch die Antwort auf meine Warum-Fragen klar: weil es mir gut tut und weil ich tief in mir weiß, dass das für mich der richtige Weg ist. Diese Art und Weise mit der MS zu leben und für mich zu sorgen, ist mein ganz persönlicher Weg. Meine Antwort auf diese Diagnose. Und wenn sie manchmal auch sehr leise und fast unhörbar ist, so ist sie immer da und kommt jedes Mal noch stärker und entschlossener zurück.



Es ist ok, zu zweifeln


Deshalb möchte ich diese Zeilen damit abschließen, dir zu sagen, dass es vollkommen ok ist, wenn du zweifelst. Wenn du alles hinschmeißen willst. Wenn du einfach nur wegrennen willst. Wenn du deine Krankheit verfluchst. Wenn du dich selbst bemitleidest. Und wenn du alles einfach nur scheiße findest. Es ist ok. Es ist sogar mehr als ok.


Denn das Leben stellt uns alle immer wieder vor große Herausforderungen, die wir gut und gerne umgehen würden. Doch leider funktioniert das so nicht. Wir sind hier, um an diesen Herausforderungen zu wachsen, uns an ihnen aufzureiben, und stärker aus ihnen hervorzugehen. Sie testen uns. Fragen uns, ob wir wirklich diesen Weg gehen wollen. Und vielleicht kommen wir zu dem Entschluss, dass wir genau in die Richtung gehen, die sich für uns gut anfühlt, aber vielleicht wollen wir auch einen Kurswechsel vornehmen.


Am Ende ist es egal, wofür du dich nach so einer Herausforderung, nach so einem Tief entscheidest, wenn du langsam, aber sicher (oder vielleicht auch noch eher unsicher) aus deinem Loch herauskriechst. Und auch wenn du dich doch noch einmal für eine Weile in das Loch zurückziehst. Alles darf sein, nichts muss. Es ist dein Leben und du entscheidest.












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